Zunahme von Rechtsradikalismus und Angstmache vor dem Islam in Europa (1)
In diesem mehrteiligen Beitrag beleuchten wir die Gründe für die Zunahme des Rechtsradikalismus in Europa und die Ziele rechtsradikaler Parteien auf diesem Kontinent.
Der wachsende Rechtsradikalismus hat die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Gleichungen in den europäischen Ländern und der Europäischen Union verändert. Nach Ansicht von Analytikern wurde der zunehmende Trend zu rechtsextremistischen Aktivitäten in Europa und Erzeugung von Angst vor dem Islam durch mehrere Umstände begünstigt wie die große Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahre 2008, die Befolgung der Sparpolitik zur Bekämpfung der Finanzkrise, der Flüchtlingsstrom nach Europa und die politischen Konflikte der EU mit Russland, sowie die zunehmende Bedrohung durch Terrorismus. Die Rechtsradikalen haben bei den Wahlen und Referenden der letzten Jahre in Europa große Erfolge erzielt und ihre Erfolgssträhne hält weiter an.

Der zunehmende Trend in Richtung rechtsradikal hat die Grenzen zwischen den traditionellen gemäßigten Links- und Rechtsparteien in Europa verblassen lassen. Die traditionellen Parteien Europas, insbesondere die gemäßigten konservativen unter ihnen haben aus Angst vor Positionsverlust und um den Einfluss von rechtsradikalen Parteien zu vermindern, Sprüche der Rechtsradikalen übernommen. Die negative Einstellung zur Einwanderung und die Ablehnung von Fremden und Angstmache vor dem Islam haben die konservativen Parteien in Europa näher zu den Rechtsradikalen rücken lassen. Außerdem haben die traditionellen Linksparteien in Europa im Gefolge der Finanzkrise von 2008 und der Durchführung der Sparpolitik auch ihre Stellung in der Gesellschaft eingebüßt. Zahlreiche ihrer Anhänger haben sich den radikalen Links- oder Rechtsparteien angeschlossen. Bei den Wahlen der letzten Jahre in Europa verzeichneten die traditionellen Linksparteien einen deutlichen Rückgang und fast in keinem europäischen Land können sie sich noch Hoffnung auf die Rückkehr zur Macht machen.
Selbst in Ländern, die weiter ihr flexibles Zwei-Block-System aufrechterhalten konnten, waren die gemäßigten Rechts- und Linksparteien nicht mehr in der Lage alleine eine Regierung zu bilden. Vielmehr waren und sind sie gezwungen brüchige Minderheitsregierungen oder labile Koalitionen mit Oppositionsparteien oder kleineren Parteien zu bilden . Ein Beispiel liefert Spanien im Jahre 2016. Die konservative spanische Volkspartei PP vermochte in zwei Wahlen, die im Abstand von 6 Monaten stattfanden, nicht die absolute Mehrheit der Parlamentssitze zur Bildung einer Regierung für sich bestimme. Sie bildete schließlich durch Unterstützung einer kleinen Partei eine brüchige Minderheitsregierung. Unterdessen verlor die größte Linkspartei Spaniens bei beiden Wahlen mehrere Parlamentsmandate.

Der politische Wettbewerb bei Wahlen und Referenden in Europa ist im Begriff, sich von einem Wettkampf zwischen den gemäßigten linken und rechten Parteien in einen Wettkampf zwischen den gemäßigten und den radikalen Rechtsparteien zu entwickeln. In einigen Ländern haben sich die gemäßigten Links- und Rechtsparteien einander genähert, um etwas gegen die zunehmenden Trend zu den radikalen Rechtsparteien zu unternehmen. In einigen Fällen haben sie sich sogar gegenüber den radikalen Rechtsparteien vereint. Dies ereignete sich bei den Landtagswahlen in Deutschland und den Kommunal- und Provinzialwahlen in Frankreich. Angesichts der abnehmenden Popularität der Sozialistischen Partei Frankreich (PS) wird vorausgesehen, dass die wichtigsten Rivalen bei den kommenden Präsidentschaftswahlen 2017 in diesem Land François Fillon, der Kandidat des gemäßigten rechten Flügels der Republikaner (LR) und Marin Le Pin , die Kandidatin der Nationalen Front FN, die gegen Migranten ist und vor dem Islam Angst erzeugt, sein werden .

Für die Parlamentswahlen in Deutschland im August 2017 wird vorausgesehen, dass die radikale Rechtspartei Alternative für Deutschland AfD bei diesen Wahlen möglicherweise beachtliche Erfolge erzielt, nachdem sie in den Landtagswahlen in 10 der insgesamt 16 Bundesländer Mandate gewinnen konnte. In Österreich mussten bei den Präsidentschaftswahlen die Kandidaten der gemäßigten Links- und Rechtspartei in der ersten Wahlrunde ausscheiden, während der Kandidat der Grünen und der rechtsradikalen FPÖ in die Stichwahl kamen. Geht man von Umfragen aus, wird bei den Parlamentswahlen in Holland im Jahre 2017 die rechtsradikale Partei für die Freiheit unter Anführung des bekannten Islamgegners Geert Wilders die gemäßigten rechten und linken Parteien in diesem Land herausfordern. In Italien ist die 5-Sterne Bewegung ,welche die Europäische Union und die europäische Währungseinheit ablehnt, die zweitstärkste Fraktion im Parlament. Bei vorgezogenen Wahlen im Jahre 2017 wird sie ein ernsthafter Rivale für die gemäßigten Links- und Rechtsparteien werden.
Auch in anderen europäischen Ländern haben die radikalen Rechtsparteien mehr oder weniger die politischen Gleichungen aus dem Lot gebracht und die Grenzen zwischen den Parteien verschoben. Wegen veränderter Abgrenzungen zwischen den Parteien in Europa werden die Staaten dieses Kontinentes und die Europäische Union im Jahre 2017 und den darauffolgenden Jahren großen Herausforderungen begegnen. Angesichts der einwandererfeindlichen Ansichten und der Angstmache vor dem Islam seitens europäischer radikaler Rechtsparteien werden wir außerdem Zeuge einer zunehmenden Islamfeindlichkeit sein, obwohl Europa immer behauptet für Meinungsfreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung einzutreten.

ِDiese Entwicklungen machen eine nähere Betrachtung der rechtsradikalen Parteien in Europa notwendig. Wie entstand das rechtsradikale Denken in Europa? Welches sind die Ziele,Inhalte und Tendenzen? Welche Wirkungen hat der Rechtsradikalismus in der Vergangenheit auf die Entwicklungen in Europa gehabt? Welche wird er in Zukunft haben? Wie wird die Situation der muslimischen in Europa ansässigen Minderheit angesichts der zunehmenden islamfeindlichen Tendenzen aussehen?
Wir möchten uns in diesem Programm ein Bild von den rechtsradikalen Parteien machen. Insgesamt gibt es keine gemeinsame Definition für den Rechtsradikalismus. Er wird öfters als illegal eingeordnet. Politikwissenschaftler und Soziologen benutzen für Rechtsradikale auch Wörter wie Herausforderer, Unzufriedene, Protestler, Populist mit Fremdenphobie, Globalisierungsgegner, Gegner der Konvergenz und radikale Nationalisten.
Wir sprechen zwar im Rahmen der neuen geschichtlichen Ära der Globalisierung von einem Wandel des Rechtsradikalismus ,dürfen aber dabei nicht den Fehler begehen, den Rechtsradikalismus als ein völlig neues Phänomen zu sehen und den ideologischen Zusammenhang oder die faschistischen Beispiele zu ignorieren. Die rechtsradikale Ideologie von heute ist in Verbindung mit den früheren Inhalten des Faschismus und zugleich den neuen Strategien unter den Globalisierungsbedingungen zu sehen. Der heutige organisierte Rechtsradikalismus besteht aus vielen Gruppen und verschiedenen Richtungen und unterschiedlichen ideologischen Orientierungen. Einige von diesen Gruppen arbeiten zusammen, andere rivalisieren miteinander oder bekämpfen sich sogar gegenseitig.
Die Friedrich Ebert-Stiftung hat 2006 unter den Soziologen eine Befragung hinsichtlich der Definition von Rechtsradikalismus durchgeführt. Diese ergab die Definition des Rechtsradikalismus als ein Denkmodell, das Begriffe der Ungleichwertigkeit gemeinsam hat, und sich in der politischen Praxis durch Tendenzen zu den verschiedenen Formen der Diktatur, des Patriarchalismus und der Rechtfertigung des Nazismus äußert. Im sozialen Bereich kommt dieses Denkmodell durch Fremdenanfeindung und durch Sozialdarwinismus zum Ausdruck.

Der italienische Politikwissenschaftler Piero Ignazi führt drei Hauptmerkmale für die Identifizierung von rechtsradikalen Parteien an. Erstens müssen sie am äußersten Rande des rechten Flügels stehen. Zweitens sind sie daran zu erkennen, dass sie ideologisch mit den Grundsätzen des Faschismus verbunden sind. Drittens ist es typisch für den Rechtsradikalismus, dass er Werte, Themen und eine Politik beschreibt, welche die Legalität der demokratischen Ordnung ablehnt. Ignazi unterscheidet aufgrund dieser drei Merkmale den Rechtsradikalismus nochmal nach zwei Gruppen. Die erste ist ein wichtiger Erbe der traditionellen alten Parteien und steht nur minimal mit dem Faschismus und dessen Erbe in Verbindung. Die zweite Gruppe sind neue rechtsradikale Parteien, die jenseits der Tradition stehen. Gerade diese rechtsradikalen Parteien waren bei den Wahlen in den europäischen Ländern erfolgreich.
Einige der rechtsradikalen Parteien konnten die Welle der Einwandererfeindlichkeit ausnutzen um diese Wahlerfolge zu erzielen. Für sie ist die Einwanderung kein normales Thema sondern eines der wichtigsten Probleme. Diese Gruppe von rechtsradikalen Parteien weist zwei wichtige Eigenschaften auf. Sie sind bestrebt, die Denkweise der Wähler durch Anti-Einwanderer-Gefühle zu beeinflussen. Durch diese Tendenz gegen Einwanderung zogen diese Parteien aber immer die Kritik anderer Parteien auf sich.
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